Das ist die Geschichte des steinernen, alten Hauptplatzes von Amstetten, der unter Leerstand, Verkehr und fehlenden angenehmen Aufenthaltsorten gelitten hat. Dann wurde durch kluge Planung die Anzahl der Bäume vervielfacht. Heute ist dieser Platz die größte Schwammstadt Niederösterreichs mit 100 Bäumen, großflächiger Entsiegelung, Brunnen, Regenwassermanagement und einer intelligenten Neuorganisation des öffentlichen Raums.
„Wir haben uns gesagt, dass an einer Anpassung an den Klimawandel kein Weg vorbeiführt.“, meint Vizebürgermeister Markus Brandstetter (ÖVP). Im Herbst 2021 lobte die Stadtgemeinde Amstetten nach einem breit angelegten Bürger:innenbeteiligungsverfahren einen europaweiten Gestaltungswettbewerb aus. Der alten Einstellung „Grün kann nix kosten“ begegnete man hier mit einer langfristigen Kostenperspektive und adäquatem Kostenrahmen. Im Jänner 2022 stand der Sieger fest, im Oktober 2024 war der neue Platz fertiggestellt – für ein Projekt dieser Größenordnung ein bemerkenswert rasches Tempo und zeigt, was geht, wenn die politische Entschlossenheit vorhanden ist. Das gerade fertiggestellte Referenzbeispiel in Lanzenkirchen / NÖ war dazu eine perfekte Hilfestellung und führte vor Augen, wie gut Gestaltung und Klimawandelanpassung synergetisch zusammenspielen.
Das Wohnzimmer von Amstetten
Möglich wurde das auch durch kluge Planung: Die Neuordnung von Fahrbereichen für den motorisierten Individualverkehr und Radverkehr sowie eine Neuorganisation der PKW-Stellplätze schufen den notwendigen Raum für blau-grüne Infrastruktur, ergänzt um eine Begegnungszone auf einer Landesstraße – eine planerische Besonderheit. Um Frequenz zu schaffen, wurde in diesem Zuge für die 18 Parkplätze am Hauptplatz die Parkdauer auf 60min begrenzt, dutzende Radabstellplätze geschaffen und ein umfangreiches Parkangebot (erste Stunde gratis) in nur 3 Gehminuten vom Hauptplatz bereit gestellt.
Aus dem grauen, autodominierten Platz wurde ein grünes „Wohnzimmer“ der Stadt: großteils entsiegelt, mit Schatten, Wasserspielen, Sitzgelegenheiten, versickerungsfähigem Belag und urbanem Flair. Klimafitness und Multifunktionalität bei einer Maximierung der nutzbaren Fläche waren die wesentlichsten Ziele dieser erfolgreichen Transformation des öffentlichen Stadtraumes. Die neu gewonnene Attraktivität belebt spürbar auch den Handel. Bis auf eine Ausnahme loben alle Betriebe (!) das Projekt und erzählen auch von einem regen Treiben und Geschäftsleben am und rund um den Platz. Die Tristesse ist weg, die den Platz über Jahrzehnte geprägt hatte.
100 Bäume nach dem Schwammstadtprinzip
Das Herzstück der Transformation sind die Bäume am Hauptplatz im Schwammstadtprinzip: Dabei wurden 76 neu gepflanzt und 24 Bestandsbäumen in das Gestaltungsprinzip integriert – denn nichts ist so rasch klimatisch wirksam, wie gesunde Bestandsbäume, schaffen sie doch vom Tag eins an diesen klimatischen Soforteffekt von Schatten und Kühle. Wichtig ist beim Schwammstadtprinzip zu sagen, dass es sich lohnt und auszahlt. Jeder dieser Bäume war etwas kostenintensiver als herkömmliche Standardbaumpflanzungen, die aber nur 20 bis 30 Jahre alt werden.
In Amstetten kostete ein Schwammstadtbaum (Baumumfang 20–35 cm) unter 5.000 Euro netto – kalkuliert für Durchwurzelungsbereich, Baumsubstrat, Baum und Pflanzung und damit im Vergleich zu einem Standardbaum nur moderat teurer aber auf ein langes, gesundes Baumleben ausgelegt. Ein Schwammstadtbaum ist damit mehr als eine Neupflanzung:
- eine Klimainvestition in die Zukunft
- sofortige Klimawirksamkeit an heißen Tagen
- lokaler Hochwasserschutz bei Starkregenereignissen
- ein wichtiger Beitrag zur Biodiversität in Stadt und Dorf
- ein gestalterisches Element – und: je mehr Schwammstadt, desto weniger Pflegeaufwand für die Gärtner:innen
Der Überschirmungsgrad lag am Hauptplatz bei 7%. Mit den 76 neuen Bäumen und den ertüchtigten 24 Bestandsbäumen sollte dieser bei dem zu erwartenden Wachstum der Baumkronen auf rund 75% in den nächsten 15 Jahren kommen.
Dimensioniert sind die Schwammstadtkörper unter dem Hauptplatz Amstettens sogar für ein 100-jährliches Niederschlagsereignis. Regenwasser wird damit nicht mehr möglichst schnell über die Kanalisation abgeleitet, sondern bleibt im Stadtraum – als Ressource für Kühlung, Vegetation, Biodiversität und Aufenthaltsqualität. Im Zentrum des neuen Platzes sorgt ein bodenbündiger Wellenbrunnen an heißen Tagen für Verdunstungskühlung und ist zugleich ein beliebter Spiel- und Begegnungsort. Ergänzt wird er durch einen öffentlichen, barrierefreien Trinkbrunnen, der allen Besucher:innen kostenlos Trinkwasser zur Verfügung stellt – ein zunehmend wichtiger Baustein hitzeresilienter Innenstädte.
Umfangreiche Bürger:innenbeteiligung
Die Neugestaltung basiert auf einem breit angelegten Beteiligungsprozess: Über 10.000 Personen wirkten im Rahmen der Stadterneuerung Amstetten (SAM) mit, 1.112 Fragebögen zur Mitgestaltung flossen in die Planung ein. Stadtsafaris, Workshops und Innenstadtforen sorgten dafür, dass die Bevölkerung von Beginn an eingebunden war. Die Dorf- & Stadterneuerung Niederösterreichs unterstützte bei Projektentwicklung sowie Fördereinreichung und organisierte die Bürger:innenbeteiligung.
Klimaanpassung ist mehr als neue Bäume
Durch konsequente Anwendung des Schwammstadtprinzips werden die Bäume am Hauptplatz Amstetten auch noch in Jahrzehnten ihre Wohlfahrtswirkung für uns Menschen spürbar machen. Mit Entsiegelung und der Integration dieses lokalen Niederschlagsbewirtschaftungsmodells, einem begehbaren Brunnen und Trinkbrunnen sind sehr viele klimafitte Maßnahmen gesetzt worden, die Amstetten zu einem Vorzeigebeispiel für die aktuellen und künftigen Anforderungen für Kleinstädte und Dörfer machen. Besucht Amstetten – am besten jetzt im Sommer!




Beteiligte
• Stadtgemeinde Amstetten
• 3:0 Ziviltechnikergesellschaft FlexCo Ingenieurkonsulent Landschaft
• Marina Mohr Verkehrs- und Infrastrukturplanung
• con.sens verkehrsplanung zt gmbh
• Dorf- & Stadterneuerung Niederösterreichs
Links:
- [1] 3:0 Landschaftsarchitektur – Ortszentrum Amstetten: https://www.3zu0.com/projekte/ortszentrum-amstetten
- [2] Stadtgemeinde Amstetten – Klimaschutz: https://www.amstetten.at/serviceleistung/klimaschutz/
- [3] Schwammstadt.at – Einlaufgitter Schwammstadt: https://www.schwammstadt.at/projekte/einlaufgitter-schwammstadt
- [4] BAW – Fachbericht V_681: https://www.baw.at/dam/jcr:98c3f91b-00e4-4b1e-9569-63a3580d2858/V_681.pdf
- [5] Stadtgemeinde Amstetten – Hauptplatz wird Begegnungszone: https://www.amstetten.at/aktuelles/hauptplatz-wird-ab-1-oktober-2024-zur-begegnungszone/
- [6] Dorf – und Stadterneuerung – Amstetten setzt auf Bürgerbeteiligung: https://www.dorf-stadterneuerung.at/best-practice/amstetten-setzt-auf-buergerbeteiligung/







