In der Not zur Tugend. Der Lendplatz – Vorzeigeprojekt für temporäre Umgestaltung.

Zwei Radfahrende auf einem Platz, gesäumt von ein und zweistöckigen Häusern. Am Boden strukturieren größere und kleinere, goldgelbe Kreisflächen den Verkehrsraum. Auf den goldgelben Flächen stehen große Pflanztöpfe aus Edelrost mit Bäumen und anderen Pflanzen. Sitzgelegenheiten auf den gelben Flächen laden zum Verweilen ein. Ein großer Baum unterstützt die angenehme Athmosphäre des öffentlichen Raumes, auf dem in der aktuellen Situation auch keine Autos sichtbar sind.
© Stadt Graz / Simon Gostentschnigg

Fehlendes Geld war kein Grund den Grazer Lendplatz nicht trotzdem ordentlich „aufzumöbeln“. Durch Einsatz von frisch-freudig-gelben Begegnungslinsen und geschickter Anordnung von Pflanztrögen sowie stylishen Sitzmöbeln strahlt die neue Begegnungszone über ihre Grenzen hinaus. Jürgen Sorger von Verkehrplus, die den Lendplatz für die Stadt Graz gestaltet haben, schildert mit welcher Sichtweise diese Platzgestaltung angegangen wurde, welche Faktoren zum Erfolg beigetragen haben und welche Learnings man sich am Weg erarbeitet hat. Barbara Urban von der Stadt Graz führt im Video über den Platz.  

Beim Erzählen einer Geschichte beginnst du am Anfang – also, bevor eine Veränderung eintritt und „die Reise beginnt“. In unserem Fall müssen wir am Ende beginnen, denn so funktioniert nun eben Planung. Wir müssen uns vorstellen, was wir am Ende haben wollen, um am Anfang zu wissen, was zu tun ist.

So stehen wir also am Anfang am Lendplatz in Graz und stellen uns vor, wie das Ende sein wird. Wir machen eine „Regnose“ – frei nach Matthias Horx: Menschen fühlen sich hier wohl. Sie sitzen unter schattigen Bäumen oder Gehen in den Geschäften ein und aus. Manche lugen neugierig in die Schaufenster. Sie kommen mit dem Rad oder zu Fuß. Sie kommen extra von anderen Teilen der Stadt, weil sie diesen Ort cool finden. Sie stellen ihre Fahrräder ab und setzen sich ins Café. Sie begegnen zufällig jemand, den sie kennen. Sie bringen Leben in die Bude. Das ist das Ende und so soll es werden!

Jetzt, wo wir das Ende kennen, haben wir das Ziel für das Vorhaben definiert. Welche Schritte sind jetzt zu tun, um dieses Ziel zu erreichen? Wie sollen sich Menschen hier, in dieser Straße zwischen Parkautomat und Verkehrslärm wohlfühlen, wo sollen sie sich zufällig begegnen? Wie machen wir den Ort cool und wie schaffen wir einen erlebbaren Raum mit entspannter Atmosphäre? 

Am Ende… ist alles Gut?

Das Jahr 2022. Vor einem Jahr wurde die Begegnungszone am Lendplatz (Anmerkung: eigentlich die Mariahilferstraße südlich des Lendplatz aber jede:r sagt „Lendplatz“) verordnet und die Gestaltungsmaßnahmen abgeschlossen. Wurde das Ziel erreicht? Fühlen sich die Menschen wohl? Ist der Platz cool? Wird der einstige Straßenzug nunmehr als Ort der Begegnung wahr- bzw. angenommen? 

Befragungen unter Bewohner:innen, Gewerbetreibenden und Besucher:innen sowie Erhebungen zeigen ein grundsätzlich positives Bild:  

  1. Sitzmöglichkeiten, das Platzangebot für Rad- und Fußverkehr sowie Verkehrssicherheit werden durchwegs besser bewertet als zuvor.
  2. Die Farben spalten ein wenig – manche finden es vielleicht zu bunt oder wünschen eine andere Farbe – aber das ist Geschmackssache.
  3. Gewerbetreibende sind durchwegs mit der Erreichbarkeit der Geschäfte mit allen Verkehrsmitteln zufrieden und schätzen vor allem die neuen Radabstellplätze.
  4. Die Zahlen bestätigen: Der Kfz-Verkehr ist um 20–25 % zurückgegangen, der Radverkehr um 15–20 % gestiegen. Und dass ein Gastwirt am Lendplatz seither ein Fass Bier pro Woche mehr verkauft, ist sicher kein Zufall.
Eine Straßenkreuzung mit orangnen Kreisen in einer Altstadt ist nass vom Regen. Auf ihr fährt im Vordergrund des Bildes eine Fahrradfahrerin. Recht und links von der Straße stehen Pflanzenkübel und einzelne Bänke. Im Hintergrund stehen Bäume und dreistöckige Häuser.
©  Stadt Graz/ Wolfgang Feigl

Nach 2 Jahren, die Farbe strahlt immer noch hell, Möbel laden zum Verweilen ein, die Bäume sind gut angewachsen.

Jetzt aber: zurück an den Anfang!

Für das Erreichen der Ziele wurde rasch klar, der heutige Zustand entspricht ganz klar nicht dem Zielzustand: Für mehr Aufenthaltsqualität braucht es sichere, ruhige und schattige Bereiche – die klassische, autogerechte Raumaufteilung muss hinterfragt werden. Weniger Parkplätze, ein Fahrstreifen weniger: Was passiert dann? Wo würden dann die Autos parken und fahren?

Diese Fragen ernst zu nehmen, war entscheidend. Ein Verkehrskonzept lieferte die Antworten: Verkehrsströme und Stellplatzauslastungen wurden am und rund um das Planungsgebiet akribisch erhoben, Verlagerungen durchgerechnet. 

Das Fazit: „Es wird sich ausgehen.“ Keine relevanten Sicherheitsprobleme, keine Überlastung im Umfeld – der Verkehr verlagert sich so, dass klein- und großräumig keine Straße zu viele Autos abbekommen würde. Parken bleibt möglich, im Straßenraum oder in der nahen Tiefgarage. Damit konnten die Sorgen von Anrainer:innen, Gewerbetreibenden und Marktbeschickern sachlich und zuversichtlich ausgeräumt werden. – Das sieht schon einmal nicht schlecht aus.

Barbara Urban, Stadt Graz „Stadtspaziergang über den Lendplatz“

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Mehr Informationen

Barbara Urban, federführend bei Planung und Realisierung des Lendplatzes, erklärt Struktur und Anforderungen des Platzes, die intensive Einbeziehung der Gewerbetreibenden, die Phase der Umgestaltung sowie Kosten, Hürden & Lösungen u.v.m.

Intutitiver Lenkungseffekt mit Begegnungslinsen

Mach was neu, aber du darfst nichts verändern. Ganz so war es freilich nicht, jedoch die Rahmenbedingungen für das Gestaltungskonzept waren äußerst restriktiv: kein baulicher Eingriff, kein einheitliches Bodenniveau. „Bitte mit Bodenmarkierung und Möblierung arbeiten, vielleicht schaffen wir den einen oder anderen bodengebundenen Baum aber – die Bordsteinkante muss leider bleiben.“ Eine echte Begegnungszone entsteht so eigentlich nicht. Es droht die Kompromisstransformation von einer Straße, die keine ist, zu einem Begegnungsraum, der keiner ist.

Dagegen half nur ein mutiger Ansatz. Dezent und zurückhaltend wäre hier falsch – die Mariahilferstraße als Bindeglied zwischen Lendplatz und der Fußgängerzone zum Südtirolerplatz braucht Strahlkraft, kein weiter als „graue Maus-Dasein“. Die Lösung: ein Element, das die Bordsteinkante optisch überwindet, Fassade und Fahrbahn verbindet, positive Energie ausstrahlt und Begegnung ermöglicht. Dieses Element ist die „Begegnungslinse“ – kreisrund, gelb, inzwischen fast ein Kultobjekt im Grazer Stadtbild und jede:r versteht, wie sie gemeint ist. Ganz ohne Verbotsschilder weichen Autos den gelben Flächen intuitiv aus, Menschen hingegen setzen sich drauf, tratschen, verweilen. Baumpflanzungen und Stadtmöbel komplettieren das Bild. Uns gefällts, aber was sagen die anderen?

© verkehrplus ZT

Markierungen abgeschlossen, es fehlen noch Möbel und Bäume.

© verkehrplus ZT

Nach Fertigstellung mit Sitzmöbel und Pflanztrögen.

Feedback, Befürchtungen, Erwartungen

Die Umgestaltung mit der geplanten Einbahnführung und die Reduktion der Kfz-Stellplätze sind hochsensible Themen, die, bei unvorsichtiger Handhabe, genug Kraft besitzten, den Traum vom neuen Lendplatz platzen zu lassen. Die Wirtschaftstreibenden wurden daher frühzeitig eingebunden und konnten in Diskussion mit Projektleitung und Planungsteam Bedenken und Hinweise äußern. Ein riesiger Plan von der neuen Begegnungszone liegt am Tisch, darauf maßstabsgetreue Möbel und Bäumchen. Ein paar Millimeter hier, ein paar dorthin, warum nicht noch ein Sesselchen hierher. Gemeinsam werden die Vorplätze der Geschäfte optimiert. Am Ende hat jede:r ein bisserl mitgeholfen – und ist mitgezogen.

Rapsgelb, Ginstergelb, Zinkgelb, Goldgelb

Strahlkraft ja, aber Blendwirkung bitte nicht. Da der Lendplatz in einer Grazer Schutzzone liegt, musste die Altstadt-Sachverständigenkommission (ASVK) zustimmen. Die auffälligen – als Flecken verkannten – Linsen galten zunächst als „grell“. Kurzerhand wurden vier Gelbtöne als Probemarkierung aufgepinselt, verglichen – und schließlich positiv begutachtet.

© verkehrplus ZT

Begegnungslinsen im Entstehen.

© verkehrplus ZT

Die Probemarkierung der Gelbtöne. Die Mariahilferstraße noch im Ursprungszustand.

Bodenmarkierungstrupp und Kranwagen

Anfang Juni kamen die Bauarbeiter, demontierten die nun obsolet gewordenen Verkehrsschilder. Es folgte der Markierungstrupp, der reinigte die Flächen und durfte ausnahmsweise einmal „quer über Gehsteig und Straße malen“ – in die nasse Farbe wurden reflektierende Glasperlen eingestreut. Stadtmöbel kamen per Kran. Die Begegnungszonen-Schilder werden aufgestellt – voilà: Ende Juni ist alles fertig. Nur die Bäume mussten auf den Herbst warten, denn junge Bäume sollen nicht in der heißesten Jahreszeit versetzt werden.

Von Ende zum Anfang

Das Verkehrskonzept und die Umgestaltung des Lendplatzes haben weder zu Leerstand, aufgrund ausbleibender Kunden, noch zum Verkehrschaos geführt. Im Großen und Ganzen will sich kaum mehr jemand vorstellen, dass dieser Platz einmal anders ausgesehen hat. Und der Erfolg strahlt aus: Die Zinzendorfgasse – eine Verbindung zwischen Stadtpark und Universität – soll als Nächstes „aufgemöbelt“ werden. Wir stehen wieder am Anfang. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Projektbeschreibung und Evaluierung Lendplatz

Ausgangssitation

  1. Der Lendplatz liegt in einem eher „hippen“ Viertel: Fortgehen, Kreativszene, Initiative „Lendwirbel“
  2. schon zuvor eine wichtige Rad-Achse in Nord-Süd Richtung bzw. wurden viele Ziele schon zuvor zu Fuß besucht (Markt, Gastro, Hotel, Kirche, Buchladen, etc.); 
  3. im Planungsgebiet waren die Fahrbahnen zweistreifig ausgeführt, abschnittsweise war Kfz-Längsparken möglich

Eckpfeiler und Milestones:

  1. Umbauzeit: rund 4 Wochen
  2. Gesamtfläche: ca. 3.600 m2
  3. Kosten pro Quadratmeter brutto €95,00 exkl. Bäume (bodengebunden), € 122,00 inkl. Bäume (bodengebunden); 
  4. 10 Bäume in Trögen, 7 bodengebundene Bäume
  5. Kfz-Stellplätze vorher 25; Kfz-Stellplätze nachher: 3
  6. Rad-Bügel vorher: 18 (=36 Stellplätze), Rad-Bügel nachher 61 (=122 Stellplätze)
  7. Farblinsen Ginstergelb mit eingestreuten Glasperlen; bis dato (5 Jahre) noch die Originalfarbe 

verkehrlichen Änderungen

  1. Einbahnführung für Kfz nach Süden an Stelle vom Zweirichtungsverkehr in der Achse „Lendplatz-Mariahilferstraße“; 
  2. Fußgängerzone (ausgenommen Radverkehr) in der Stockergasse; 
  3. Verbindung für den Radverkehr vom Lendplatz Richtung Norden (Richtung Feuerwehr); 
  4. Begegnungszone: südlicher Abschnitt Lendplatz sowie Mariahilferstraße bis Ökonomiegasse.

Evaluierung 2023

  1. Drei Gruppen wurden befragt: 108 Passant:innen, 15 Gewerbetreibende, 186 Bewohner:innen (Rücklauf ~ 29 %). 
  2. Zufrieden sind lt. dieser Evaluierung: 88 % der Passant:innnen, 100 % der Gewerbetreibenden und 75 % der Anrainer:innen mit der Umgestaltung. 
  3. Wünsche : Vor allem der Wunsch nach mehr Kfz-Stellplätzen von den Bewohner:innen (Anwohnerparken). 
  4. Eine Ausweitung der „verkehrsberuhigten“ Zone wird vom Großteil der teilnehmenden Passant:innen und Gewerbetreibenden gewünscht, bei den Bewohner:innen ist die Quote ca. 50:50.

Interview mit Jürgen Sorger, Verkehrplus ZT GmbH

© verkehrplus ZT

Der Lendplatz ist das Vorzeigeprojekt, wenn es um temporäre Umgestaltung geht. Obwohl baulich nichts verändert wurde, hat Konzept und Gestaltung dem Platz eine Funktionalität und Atmosphäre gegeben, dem es scheinbar an nichts fehlt. Beginnen wir bei den Anfängen: von wem stammte die Idee für die Umgestaltung des Lendplatzes? 
Der Wunsch der Umgestaltung kam aus der Bevölkerung in Richtung Verkehrsstadträtin (an die heutige Bürgermeisterin Elke Kahr). Die Umgestaltung mit diesen Mitteln entspringt dem finanziell-eingeschränkten Rahmen.

Wie kam es, dass trotz der eingeschränkten Mittel so ein Vorbildprojekt entstanden ist?
Aus meiner Erfahrung hat so etwas prinzipiell einmal nichts mit Geld zu tun. Das der Lendplatz sowohl prozessual als auch gestalterisch „gut“ gelungen ist, ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: 1) Die Akteure aus Politik und Verwaltung waren motiviert, mutig und standhaft. 2) Die fachliche Begleitung (Erhebung-Analyse, Planung, Beteiligung) war logisch, zielorientiert und stringent aufgebaut. 3) Das Bearbeitungsteam war gut zu managen: so klein wie möglich und so groß wie nötig. 4) Die funktionalen/raumstrukturellen Rahmenbedingungen waren günstig: die Potenzialanalyse ergab: hier kann ein „cooler“, lebendiger, einladender Stadtraum entstehen. 5) last-but-not-least: das Ergebnis ist funktionell, kühn, frech und vor allem auffällig: wer das erste Mal am Lendplatz ankommt, staunt und wird sich den Platz sicher länger im Gedächtnis behalten.

In welche Phasen lässt sich das Projekt gliedern?
Erstens wurde ein Verkehrskonzept erstellt, um die Machbarkeit und Potentiale auszuloten, 2) Zonierung des Gebietes, 3) Gestaltungskonzept iterativ mit Beteiligung, 4) Detailplanung, 5)Umsetzung.

Welche Sorgen und Bedenken äußerten sich beim Beteiligungsprozess?
Die Gewerbetreibendenden fürchteten wirtschaftliche Einbußen aufgrund des Kfz-Stellplatzverlust. Die Frage: Wie wird Lieferverkehr stattfinden? Es war auch der Wunsch nach „richtiger“ und permanenter Umgestaltung und die Sorge „das Provisorium wird nicht schön aber lange bleiben“.  Nachdem der Umgestaltungswunsch eher aus der ansässigen Bevölkerung kam (z.B. Initiative Lendwirbel), waren die Menschen der Veränderung gegenüber großteils schon eher positiv gestimmt.

Wie wurde den Sorgen und Bedenken begegnet?
Hauptsächlich anhand der datengestützten Wirkungsanalyse im Verkehrskonzept konnten Vor- und Nachteile nachvollziehbar dargestellt werden und damit Bedenken weitestgehend ausgeräumt werden.  Wir fokussierten auch auf die Hervorhebung der Vorteile (Ruhe, Aufenthaltsbereiche, mehr Radverkehr). Die Einbeziehung in die Planung „mitplanen lassen“ war ebenso dienlich. Weiters wurden Lieferzonen vorgesehen. Auch ein klares Wort, dass finanzielle Mittel für bauliche Umgestaltung einfach nicht zur Verfügung standen, war hilfreich. Und es wurde zusätzlich versucht, das „wie machen wir es?“ vor das „warum machen wir es?“ zu stellen.

Wie war das mediale Echo?
So genau kann mich nicht mehr erinnern. Es gab ein paar nette Artikel in Zeitungen. Es gab allerdings auch den Aufreger, dass „ein paar gelbe Kreise so teuer sind“. Gemeinsam hat dann das Projektteam viel Energie hineingesteckt, die Vielzahl der einzelnen Maßnahmen zu kommunizieren und die Kosten zu begründen – die Kritik verebbte langsam.

Eine Begegnungszone, die nicht niveaugleich ist. Kommt es zur Begegnung? 
Ja, allerdings schränken die hohen Kanten den „freien Fluss“ sicherlich etwas ein. Die Querungen passieren heute immer noch hauptsächlich in den Bereichen, wo die Bordsteine abgesenkt sind (kanalisierende Wirkung), obwohl heute klarerweise viel mehr auf der alten „Fahrbahn“ spaziert und frei gequert wird als früher. An bestimmten Tageszeiten, wenn die „Gehsteige“ voll werden, weichen die Menschen selbstverständlich auf die alte Fahrbahn aus.

Was hat man unternommen, um den geraden Verkehrsfluss aufzulösen? 
Die Begegnungslinsen verbinden die Hausfassaden mit der Fahrbahn über die Gehsteige und Gehsteigkanten hinweg. Die runde Form der Linsen bricht die Geradlinigkeit der konventionellen Fahrbahn-Gehsteig-Systematik auf und lässt die verbleibende Fläche flussartig mäandern. So ist der Raum für alle lesbar – die „unbepinselte“ Asphaltfläche ist eher für den Fließverkehr, die gelben Begegnungslinsen sind Ruhebereiche oder Querungsstellen für den Fußverkehr.

Wie gut funktioniert das in der Praxis?
Es gab in der Herstellungsphase einen kurzen Zeitraum, an denen die Begegnungslinsen bereits markiert waren, aber die Möbel noch nicht auf den Linsen gestanden sind. Auch in diesem Zeitraum hielten sich Auto- und Radfahrende bereits an die von uns vorgesehene Zonierung: Asphalt für Fließverkehr, Gelb für Begegnung und Aufenthalt, obwohl man die Begegnungslinsen einfach auch „überfahren“ hätte können. Auto- und Radfahrende umkurvten die Begegnungslinsen wie geplant. Das zeigt, welche Wirkung die prominente Farbgebung im Platz hat. Die nachträglich installierten Möbel unterstützen diesen Effekt.

Wenn der Lendplatz nochmals neu gestaltet werden würde, was würde man anders machen? 
Prozessual war der Lendplatz ein äußerst positives Beispiel, in welcher Reihenfolge mit welchen Menschen welche Arbeitsschritte entwickelt wurden. Ich denke, dem Thema des Anrainer:innen-Parkens würden wir noch etwas früher mehr Aufmerksamkeit schenken. Und: mehr Radabstellplätze am Lendplatz wären gut.

War von Beginn an geplant, dass die temporärere Umgestaltung dauerhaft bleibt? 
Eher nein, wobei sie jetzt 5 Jahre alt ist. Die Frage ist möglicherweise, was „dauerhaft“ heißt. Aber, nein, es war vorerst überlegt, die Gestaltung zu nutzen um Funktion, Zonierung und Qualitäten zu überprüfen – sozusagen als Zwischenlösung und Evaluierung der Gestaltung – und dann permanent etwas umzusetzen. 

Wie sehen die weiteren Pläne für den Lendplatz aus? 
Die Zukunft ist uns unklar. Damals war die Rede von einem Architekturwettbewerb, jedoch ist das schon wieder einige Zeit her. Der Lendplatz ist schon in seiner aktuellen Ausprägung ein wichtiger Bestandteil einer lebenswerten Stadt Graz geworden – aber wir lassen uns überraschen, was die Zukunft bringt.

Ich danke für das Gespräch. Das Interview führte Michael Bauer, katapult

Eine Fahrradstraßenkreuzung mit orangefarbenen Flächen und Kreisen und einem Radfahrer verläuft durch die Altstadt von Graz. Sie ist begrünt und bietet Sitzgelegenheiten. Links von ihr stehen einladende Häuser mit Geschäften im Erdgeschoss. Mittig steht ein Wegweiser, der wichtige Orte anzeigt.
© verkehrplus ZT

Das bestehende Blindenleitsystem wurde belassen und in der Gestaltung berücksichtigt.

© verkehrplus ZT

Die Gewerbetreibenden gestalteten durch „Verschieben und Verstellen“ der 3D-gedruckten Sitzmöbel und Pflanztrögen aktiv mit.

©  Björn Thommesen

Die Vogelperspektive zeigt Struktur und Umfang der Interventionen.

© verkehrplus ZT

Der Abschnitt der Fußgängerzone in der Stockergasse.

© verkehrplus ZT

Die gelben Linsen als Querungshilfen.

Beteiligte

  • Stadt Graz: Abteilung für Verkehrsplanung, Abteilung Stadtplanung, Referat Gestaltung öffentlicher Raum, Holding Graz
  • Verkehrplus ZT GmbH

Links:

  1. [1] https://www.graz.at/cms/beitrag/10391525/7760054/Verkehrskonzept_Lendplatz.html
  2. [2] https://www.verkehrplus.at/fertigstellung-des-grazer-lendplatzes/